Die Veränderung sexueller Erzählungen – neue Konzepte für sexuelles Vergnügen

Schmetterlinge, Sex

Das Erleben der eigenen Sexualität hat sehr viel mit dem zu tun, was wir uns zu Sexualität erzählen. Es ist interessant und befreiend, sich mit den eigenen Erzählungen und Narrativen rund um das sexuelle Erleben zu befassen. Die Veränderung des eigenen sexuellen Narratives gibt Raum, um das eigene sexuelle Vergnügen neu zu erleben und zu gestalten.

Das ursprüngliche Konzept aus der Sexualforschung der 60er Jahre lebt leider noch viel zu oft in unseren Köpfen weiter. Es geht zurück auf das Verhaltensmodell von William Masters und Virginia Johnson (Human Sexual Response, 1966) und bewegt sich von Erregung über Orgasmus zur Auflösung. Eine anschwellende Kurve bis zum Orgasmus, die dann abfällt.

Diese Idee ist ganz oft noch in unserem inneren sexuellen Programm eingebaut. Wenn unser eigenes Erleben damit nicht übereinstimmt, dann denken wir, das sei ein Problem mit uns. Das sexuelle Erleben wurde zunächst rein körperlich und auch nicht kontextbezogen gesehen, Das hat sich mittlerweile geändert. Die neuen Konzepte helfen, sich in der eigenen Sexualität zuhause zu fühlen und diese für sich zu gestalten.

Eine wesentliche Änderung dieses Konzeptes führte Helen Singer Kaplan 1979 (Disorders of Sexual Desire, 1979) ein, wenn sie den Beginn im Verlangen anlegte, also vor der körperlichen Erregung. Hier wurde die wichtige Komponente der Psyche ins Spiel gebracht.

Das Konzept des sexuellen körperlichen Erregens wird aber von vielen Menschen als unzureichend empfunden. Problematisch ist, dass es durchaus häufig vorkommt, dass Verlangen oder Erregung nicht spontan empfunden werden. Auch kann das eine ohne das andere vorkommen, also gedankliches Verlangen ohne körperliche Erregung und andersherum. Dies ist weit verbreitet und nicht irgendwie pathologisch.

In der modernen Sexualberatung nutzen wir daher mittlerweile neue Konzepte, die für viele Menschen hilfreicher sind bei dem Ziel, ein erfülltes sexuelles Erleben zu kreieren.

Das Modell von Rosemary Basson (Human Sexual Response Cycles, 2001) ist oftmals hilfreicher im Verständnis der eigenen Vorgänge um Sexualität.  Es ist zirkulär und hat die folgenden Komponenten:

  • vielerlei Gründe und Motivation dafür, Sex zu initiieren oder Sex zuzustimmen
  • die Offenheit, sich auf die Initiierung/Einladung zu Sex einzulassen
  • die subjektive Erregung (psychisch, physisch)
  • die Erregung und das darauffolgende Verlangen
  • die sexuelle und emotionale Erfüllung

Die wichtigsten Veränderungen hier sind zum einen, dass der Orgasmus als essentielle Komponente entfällt und zum anderen die Erkenntnis, dass das Verlangen erst nach der Erregung eintreten kann.

Es gibt einen Unterschied zwischen Verlangen und Erregung. Es gibt „spontanes Verlangen“ und „responsives Verlangen“. Das responsive Verlangen ist von dem Kontext und der Beziehung zueinander abhängig. Es gibt subjektive Erregung und physische Erregung, die nicht übereinstimmen müssen. Daher ist es so wichtig, miteinander auch verbal in Kontakt zu bleiben.

Diese Konzepte öffnen unsere Erzählung über Sexualität. Das eigene Erleben findet hier viel mehr Raum. Man kann sich viel besser verorten und dann schauen, was man selbst sich wünscht zur sexuellen und/oder emotionalen Erfüllung.

Für Paare ist also wichtig, zu wissen, dass das Erleben von Orgasmus keine entscheidende Rolle in der Sexualität spielt. Vielmehr wird guter Sex definiert als „wenn die Partner erotischen Genuss kreieren, auf dem Level und in der Form, wie sie es sich zu diesem Zeitpunkt gerade wünschen, und sich dabei und danach beide gut in sich fühlen und über den anderen / die andere. Beide haben eine gute Zeit und nähren die Beziehung.“ (Caro Ellison, Intimacy-Based Sex Therapy, 2001).

Es geht um eine beziehungsorientierte Erfahrung mit den Komponenten Präsenz, Verbindung, Kommunikation, Authentizität, Verletzlichkeit / Offenheit und Transzendenz zusammen mit dem Partner / der Partnerin.

Ganz konkret heißt das also, dass im sexuellen Erleben ganz viel möglich ist. Sex ist so viel mehr als die rein körperliche Erregung und der Orgasmus. Für ein verbindendes erotisches Erleben reicht es zunächst aus, sich offen darauf einzulassen. Gemeinsam kann man den sexuellen Raum dann so füllen, dass beide gestärkt und positiv erfüllt herausgehen. In der heutigen modernen Welt ist es durchaus sinnvoll, sich dazu explizite Sex-Dates zu reservieren. Mehr dazu habe ich bereits in einem früheren Blog-Post geschrieben.

Diese Einführung in die sexuellen Konzepte ist inspiriert von Suzanne Iasenza, Transforming Sexual Narratives (2020). Für eine weitere Lektüre empfehle ich allen (wirklich allen!) das Buch „Komm wie du willst“ von Emily Nagoski (2017).

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