Der Unterschied zwischen gesunder Reue und ungesunder Scham

Meer, Himmel

Oftmals entsteht in meiner Beratungspraxis Streit um Vorgänge aus der Vergangenheit.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass in einer Beziehung Dinge vorkommen, die jedenfalls im Nachhinein betrachtet nicht okay sind. Es sind Verletzungen entstanden. Sowohl in Trennungs- und Scheidungsprozessen als auch in der Paarberatung kommen wir nicht darum herum, diese zu thematisieren. Ziel ist es, einen ersten Schritt in Richtung Heilung zu gehen. Dazu müssen wir uns zuerst darüber klar sein, was passiert ist.

In einem zweiten Schritt schildert der/die verletzte Partner*in, wie es ihr geht und was mit ihr innerlich passiert ist. Der Schmerz wird gesehen und wahrgenommen. Erst dann bewegen wir uns in die Richtung einer „Reparatur“, also Heilung oder irgendeine Form des Ausgleichs.

Dieses Vorgehen erscheint nüchtern betrachtet einfach zu sein. Häufig wird es aber durch Rechtfertigungsversuche und vorschnelle Entschuldigungsangebote blockiert. Die/der Verursacher*in hält es oftmals nicht aus, zu sehen und damit zu sein, was vorgefallen ist. Allerdings entsteht gerade in diesem Moment des Zuhörens die Möglichkeit, für das Gemachte echt Reue zu empfinden. Dies ist ein wichtiger Schritt für beide Beteiligte.

Dabei ist Reue gemeint für das, was ich getan habe. Es geht nicht darum, sich dafür zu schämen wer man ist („ich bin ein schlechter Mensch“). Wenn ich Reue für etwas empfinde, dann übernehme ich Verantwortung. Ich frage dann „Wie geht es dir?“ und „Was kann ich jetzt tun, um dir zu helfen?“. Wenn ich dagegen in ungesunder Scham versinke, dreht sich alles um mich. Das ist eine Form des verdrehten Narzissmus: „Ich bin so böse, ganz schlecht, oje, niemand kann mir helfen. Ich bin böse.“

Es ist wichtig, dass wir in der Beratung und in unseren Beziehungen allgemein niemals vergessen, dass jeder Mensch kompetent und entwicklungsfähig ist. Alle machen Fehler und wir sind hier, um zu reparieren, was repariert werden kann, so dass wir so gesund wie möglich in die Zukunft gehen können.

Dazu braucht es Mut. Alle, die bereit sind, das auf sich zu nehmen, zeigen Herzensstärke.

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