Die sogenannte Sex-Sucht – gibt es die eigentlich oder was ist das Problem?

In der Paarberatung tauchen immer wieder Situationen auf, in denen von Sucht gesprochen wird. Dies ist insbesondere pikant, wenn es um die Frage der sogenannten Sex-Sucht geht. Dieser Begriff ist aus dem anglo-amerikanischen Raum zu uns herübergekommen und sehr umstritten. Während es bereits therapeutische Angebote geben soll, die speziell mit Sex-Sucht arbeiten, ist doch die Diagnose bis heute weder in den USA noch hier in Deutschland anerkannt. Die Diskussion um diesen Begriff verstellt oft, worum es eigentlich geht.

Zum einen weist insbesondere der Sexualtherapeut David Ley (https://www.davidleyphd.com/) immer wieder darauf hin, dass dieser Begriff vor dem Hintergrund ganz bestimmter moralischer Vorstellungen von Sexualität entstanden ist. Es ist auffallend, dass diese Diagnose (und die entsprechenden Therapieangebote) besonders oft im sog. Bible Belt, also dem evangelikalen Zentrum der USA, gestellt wird. Zum anderen dient die oft selbstdiagnostische Inszenierung von Celebrities als „sexsüchtig“ gerne dazu, direkte Verantwortung für das eigene Verhalten von sich zu schieben. Beides, also sowohl rigide Moralvorstellungen als auch die Abwehr von Verantwortung, helfen uns in der Paarberatung nicht, zu tragfähigen Lösungen für die Zukunft zu kommen.

Sexualität ist komplex. Sexualität ist gesund. Vor diesem Hintergrund wollen wir uns dem Phänomen nähern.

In meiner Paarberatung geht es immer darum, in der Beziehung zu denken. Das bedeutet, dass die Art und Weise, wie ich meine Sexualität auslebe, eine Wechselwirkung mit meiner Beziehung und mit meinem Partner / meiner Partnerin hat. In diesem Zusammenhang können hinter dem Begriff Sex-Sucht mehrere Probleme stehen, die wir ansprechen:

  1. Welchen Beziehungskontrakt hat das Paar? Verstehen sie sich als monogam und was heißt das für dieses Paar?
  2. Ist es zu einer Beschädigung von Vertrauen gekommen? Was ist nötig, um hier wieder zueinander zu finden?
  3. Geht es um eine Unklarheit in der Ressourcenverteilung (Zeit, Aufmerksamkeit, Geld?) und welche Bedeutung hat das für dieses Paar?
  4. Welche Bedeutung hat Sexualität für dieses Paar?

Es ist deutlich, dass ich hier keine vorgefertigte Lösung anbiete. Für jedes Paar kann die Bedeutung und Ausgestaltung von Sexualität in der Beziehung sehr unterschiedlich aussehen. Wichtig ist, dass es für das Paar passt.

Wenn hier Klarheit und Übereinstimmung hergestellt ist, kann es dennoch sein, dass eine oder einer von der Vereinbarung abweicht. Das hat dann eine vorhersehbare negative Auswirkung auf die Beziehung. Wenn dies immer wieder passiert, dann bewegen wir uns tatsächlich im Bereich von Sucht nach der Definition von Gabor Maté (https://drgabormate.com/): „Trotz der Kenntnis um negative Konsequenzen überkommt mich ein unwiderstehlicher Drang zu einem bestimmten Verhalten und ich gebe dem immer wieder nach“ (Zitat sinngemäß).

Wenn das der Fall ist, wäre jetzt zu ergründen, welcher Nutzen sich aus der „suchthaften“ Strategie ergibt: Wozu dient das Verhalten? Im Modell des Internal Family System würden wir uns jetzt dem Teil zuwenden, der hier immer wieder ausagiert. Wir wollen erfahren, was dahintersteckt und neue Strategien entwickeln, die zum Ziel führen können, ohne sich selbst oder anderen durch das Verhalten zu schaden. Auch diese Vorgehensweise ist im Rahmen der Paarberatung möglich.

Wichtig: bei ärztlich diagnostizierter Suchterkrankung (etwa Alkoholsucht) ist es unerlässlich, sich therapeutische Unterstützung neben der Paarberatung zu suchen.

Die Bedeutung von Sexualität für die Partner wird leider selten besprochen, ehe es zu Verletzungen oder Missverständnissen kommt. In der Paarberatung können wir hier Klarheit und auch neue Erkenntnisse entwickeln, die die Beziehung unter Umständen in ganz neue, spannende Bereiche führen können.

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